
Wertschätzung beginnt mit Wahrnehmung
Sawubona (Quellen) ist eine Begrüßung in isiZulu, der Sprache der Zulu im südlichen Afrika. Wörtlich wird der Ausdruck meist mit "Ich sehe dich" wiedergegeben. Gerade darin liegt seine besondere Kraft: Ein Gruß wird zu einer Haltung. Ich nehme mein Gegenüber wahr. Ich richte meine Aufmerksamkeit auf diesen Menschen und signalisiere: Du bist da. Du bist für mich nicht unsichtbar.
Es gibt unterschiedliche Antworten darauf, z.B. Sakhona: weil du mich siehst, bin ich da.
Für unser Verständnis von Wertschätzung ist genau diese Verbindung entscheidend: Menschen möchten gesehen werden – nicht nur in ihrer Funktion, ihrer Leistung oder ihrem Verhalten, sondern als Person. Mit ihren Stärken und Schwächen, ihren Bemühungen, Bedürfnissen und ihrer jeweiligen Situation. Gerade in Schule erscheint uns das besonders wichtig. Schüler*innen brauchen das Gefühl, als Individuum wahrgenommen zu werden und Raum zu bekommen, um zu lernen, zu wachsen und sich zu entwickeln.
Das gilt ebenso für Erwachsene in Schule. Auch Lehrkräfte und andere Menschen, die in Schule zusammenarbeiten, möchten mit ihrem Engagement wahrgenommen werden. Wertschätzung zeigt sich dabei nicht nur in Worten. Sie zeigt sich in Aufmerksamkeit, Interesse, Vertrauen, Respekt und darin, dass wir einander tatsächlich wahrnehmen.
Sawubona – Ich sehe dich.
Sakhona – Weil du mich siehst, bin ich da.
Für uns wird Sawubona damit zu einem Leitgedanken von Wertschätzung: Menschen sehen. Menschen Bedeutung geben. Entwicklung ermöglichen.
Vom Impuls zur Frage
Ein wichtiger Impuls für uns war bei der Beschäftigung mit Wertschätzung das Konzept und der Fragebogen der "Sprachen der Liebe" von Gary Chapman. Die "Sprachen der Liebe" beschreiben unterschiedliche Wege, über die Menschen Zuneigung geben und empfangen und entspringt der Paartherapie.
Passender für Schule fanden wir erst "Die Sprachen der Wertschätzung" von Gary Chapman und Paul White. Ausgangspunkt des Ansatzes in beiden Büchern ist die Beobachtung, dass Menschen Wertschätzung unterschiedlich ausdrücken und auch unterschiedlich wahrnehmen. Eine Form der Anerkennung, die bei einem Menschen gut ankommt, muss bei einem anderen nicht dieselbe Wirkung entfalten.
Dieser Gedanke und die Kritik am Fragebogen von Chapmans Fragebogen haben weitere Fragen bei uns aufgebracht:
- Was bedeutet das für Schule?
- Braucht es da nicht andere Fragen?
- Wodurch fühlen sich Schüler*innen, Lehrkräfte und andere Mitarbeitende tatsächlich gesehen und wertgeschätzt?
- Und sprechen wir möglicherweise auch im schulischen Kontext unterschiedliche "Sprachen der Wertschätzung"?
Daraus entstand die Idee, eigene Fragebögen für den schulischen Kontext zu entwickeln, die sich nicht an Chapman orientieren, sondern an an deutschsprachiger Forschung zur Lehrkräftekooperation, zu professionellen Lerngemeinschaften und zur Schulentwicklung sowie ergänzend an deutschsprachiger Arbeits- und Organisationspsychologie. Dabei entstanden die Dimensionen:
Anerkennung & Wertschätzung
Kollegiale Unterstützung
Offenheit & konstruktive Kommunikation
Vertrauen & psychologische Sicherheit
Professionelle Kooperation
Partizipation & Mitgestaltung
Fairness & Gegenseitigkeit
Autonomie & professioneller Handlungsspielraum
Wir reden bewusst nicht Sprachen, sondern von Dimensionen, weil sie sollen nicht dazu dienen, Menschen in feste Kategorien einzuordnen.
Vielmehr sollen sie zur Selbstreflexion und zum Austausch anregen:
- Was brauche ich, um mich wertgeschätzt zu fühlen?
- Wo wird mir schon viel Wertschätzung entgegengebracht?
- Wie zeige ich anderen Wertschätzung?
Und kommt das, was ich gut meine, bei meinem Gegenüber auch tatsächlich so an?
Wertschätzung entsteht nicht durch das was ich beabsichtige, sondern was beim anderen ankommt, deswegen beginnt Wertschätzung nicht mit Bewertung sondern mit gesehen werden.
Genau an dieser Stelle verbindet sich der Ansatz für uns mit Sawubona – "Ich sehe dich". Wertschätzung beginnt mit dem Wahrnehmen des anderen. Sie wird aber erst dann wirksam, wenn ich nicht nur aus meiner eigenen Perspektive heraus handle, sondern auch danach frage, wie mein Gegenüber Wertschätzung erlebt, was für ihn wichtig ist, dass es gesehen wird.
